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Geschichte Orgeln Glocken Bau und Unterhalt
Münsterbau, Politik und Wirtschaft
Die Geschichte des Berner Münsters spiegelt die politischen Entwicklungen und wirtschaftlichen Verhältnisse Berns. Die Stadt war 1191 gegründet worden und seit der Verleihung der Handfeste 1218 freie Reichsstadt. Im wechselhaften 14. Jahrhundert begann Bern sich zum Territorialstaat zu entwickeln. Mit der Eroberung des Aargaus 1415 und der Verleihung königlicher Privilegien durch Sigismund von Luxemburg-Böhmen im selben Jahr konnte die Stadt ihre Unabhängigkeit ausbauen und verfügte unmittelbar vor dem Münsterbau über ein ausgedehntes, im Osten von den eidgenössischen Bündnispartnern gesichertes Territorium. Kulturell und wirtschaftlich orientierte sich Bern damals hauptsächlich nach dem süddeutschen Raum. So stammten beispielsweise der erste Werkmeister Matthäus Ensinger und der Künstler des Passionsfensters, Meister Hans, aus Ulm.
 
Das frühe 15. Jahrhundert war für Bern somit eine Zeit der Konsolidierung und der politischen Neuorientierung. Die Stadt liess 1415-1431 von ihrem ersten amtlichen Geschichtsschreiber Konrad Justinger in der «Berner Chronik» ihre Vergangenheit darstellen. Die Wiederherstellungsarbeiten nach dem vernichtenden Stadtbrand von 1405 hatten einen Aufschwung des Bauwesens zur Folge und brachten zahlreiche auch ausländische Bauleute in die Aarestadt. Mit dem Wiederaufbau regte sich wohl auch der Wunsch nach einem neuen, der Stadt würdigen Gotteshaus. Nicht die Kirche, sondern der Staat Bern war Bauherr und wichtigster Geldgeber des Münsters. So schlugen sich politische und wirtschaftliche Veränderungen jeweils direkt im Baugeschehen nieder: 1421 wurde der Grundstein gelegt.
Nach einer ersten, schnell voranschreitenden Etappe kamen die Arbeiten im Pestjahr 1439 und während des Alten Zürichkrieges in den 1440er Jahren fast zum Stillstand.

Von der Möglichkeit, durch private Stiftungen Seitenkapellen zu erwerben, machten von Anbeginn verschiedene wohlhabende Familien Gebrauch. Besonders ab den 1440er Jahren mehrten sich solche Spenden, von denen zahlreiche Gewölbeschlusssteine und Glasmalereien zeugen. Nach der Jahrhundertmitte half zunehmend auch das gemeine Volk den Bau voranzutreiben; das ab 1448 geführte St.-Vinzenzen-Schuldbuch gibt hierüber Auskunft. 1476, während der Burgunderkriege, liessen sich die Berner in Rom die Befugnis zur Ausstellung von Ablassbriefen erteilen.
 

Die kirchengeschichtliche Sonderstellung Berns
Die Stadt Bern lag ursprünglich im Lehensgebiet der wohl bereits im 10. Jahrhundert gegründeten Kirche Köniz. Dort hatte sich um 1150 ein Augustinerstift niedergelassen. Die erste Stadtkirche war ursprünglich eine Filialkapelle der Könizer Augustiner. Sie war – wie später das Münster – dem hl. Vinzenz geweiht. Kaiser Friedrich II. überschrieb Köniz 1226 den Deutschordensrittern, die somit auch die Kirchenrechte in der Stadt übernahmen. 1276 wurde die schnell wachsende Stadt als eigenständige Pfarrei von Köniz abgetrennt, was Anlass zum Bau einer neuen, grösseren Leutkirche gab. Unterdessen hatten bereits die Franziskaner und Dominikaner in Bern Klöster gegründet.
Bis ins späte 15. Jahrhundert, also bis in die Bauzeit des Münsters, bedienten die Deutschordensritter die Berner Pfarrei. An der Westseite der Münsterplattform unterhielten sie ein eigenes Ordenshaus. 1484 kaufte ihnen der Staat die Kirchenrechte ab und gründete das Chorherrenstift St. Vinzenz, ein Kollegiatskapitel von 24 der Ratsaufsicht unterstellten Weltgeistlichen. Bern entzog sich dem Einfluss der Bistümer Lausanne und Konstanz, deren Grenze die Aare bildete, und sicherte sich die direkte Mitsprache in kirchlichen Geschäften.
Die Reformation, beschlossen an der Berner Disputation von 1528, hatte für das Münster grosse Konsequenzen. Nicht nur wurden die Altäre und Heiligenbilder aus der Kirche entfernt und Nebenbauten abgetragen, auch verzögerte sich die Vollendung des Werks um mehrere Jahrzehnte.

Topographie – Altstadt, Plattform und Münsterplatz
Der Standort des Münsters auf halber Höhe zwischen dem unteren Stadteingang an der Nydegg und dem – wie heute angenommen wird – ersten Befestigungsgürtel auf Höhe des
Engel mit Wappen des heiligen Vinzenz
(Foto: Mth Lauper)
Zeitglockenturmes ist wohl bereits auf die Phase frühester Stadtplanungen im späten 12. Jahrhundert zurückzuführen. Grabungsbefunde aus den Jahren 1871, 1897, 1922 und 1960 belegen, dass dem Münster am gleichen Ort mindestens die zwei erwähnten, kleineren Kirchen vorangegangen sein müssen.

Der langgezogene Gassenmarkt der heutigen Kram- und Gerechtigkeitsgasse war als Hauptachse des Burgums, der zähringischen Gründungsstadt, ausgebildet. Die Kirche und somit auch das spätere Münster wurde nicht an den Markt, sondern an die bevorzugte Sonnseite am südlichen Aarehang gesetzt, wo sich zusammen mit dem Stiftsgebäude gewissermassen ein geistliches Zentrum herausbildete. Nach dem Stadtbrand von 1405 entstand am nördlichen Aarehang das neue Rathaus. Dem geistlichen Zentrum stand somit ein weltliches gegenüber. An der Kreuzung der die beiden Bauten verbindenden Kreuzgasse mit der Hauptgasse lag die Richtstätte.
Schon kurz nach 1310 wurden Stützmauern und Aufschüttung der dem Münster südseitig vorgelagerten Plattform in Angriff genommen. Die gewaltige Terrasse, die erst im 16. Jahrhundert ihre heutige Dimension erreichte, diente bis 1531 als Friedhof, danach als Promenade. Die barocken Eckpavillons stammen aus den Jahren 1778/1779.

Der Münsterplatz wurde an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert als erste geschlossene Platzanlage der mittelalterlichen Stadt geschaffen. Während der kirchenseitige Teil auf ehemaliges Friedhofgelände zu liegen kam, mussten für die westliche Platzhälfte etliche Privathäuser abgebrochen werden. Von der späteren Platzbebauung des 16. Jahrhunderts ist allein das Haus Münstergasse 30 erhalten. Sonst wird heute der Platz von barocken Prachtbauten geprägt, deren Hauptstück an der Südseite das neue Stiftsgebäude aus den Jahren 1745-1748 ist.

Text: Christoph Schläppi, aus: Christoph Schläppi, Luc Mojon, Brigitte Kurmann-Schwarz und Bernhard Furrer, Das Berner Münster, Reihe Schweizerische Kunstführer, Nr. 538/539, Bern: Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, 1993 (engl. und frz. Ausgabe 1994) © Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern 1993